Die Suche nach der Kälte – Analyse

Manch einer braucht Worte nicht erst zu suchen. Er findet sie einfach: Im Folgenden ein kurzer Exkurs in die Darstellung einer langwierigen Arbeit Die Suche nach der Kälte. Eine erste Eröffnung zur Deutung und Interpretation eines surrealistisch-symbolischen Werkes aus fremder aber bekannter Feder.

Die Suche nach der Kälte / Searching for the Cold
eine Besprechung von Markus Digwa
08.04.2020

„Die Suche nach der Kälte / Searching for the Cold“, entstanden 2018/19, Öl auf Hartfaserplatte, 24 mal 30 cm. So weit die Fakten.
Ein schwarzer Hintergrund, aus einem weißlichen Nebel formt sich eine Gestalt in einem ebenfalls weißen Mantel, die Hand wie zum Rauchen gehoben, der Kopf fehlt. Ein Bild, dass auf dem ersten Blick klar wirkt. Doch tritt man etwas näher heran, betrachtet man es eingehender, so verschwimmen die Strukturen. Tritt die Person aus dem Nebel heraus oder geht sie darin unter? Verschwimmen gar die Konturen des Mantels mit dem Hintergrund? Fehlt der Kopf der Person oder wird dieser von Dunkelheit verborgen?

Das Bild wirkt kühl. Das ungebrochene Weiß strahlt Winter aus. Weiß ist in manchen Kulturen die Farbe der Trauer. Ein Gefühl, das mit Kälte einhergeht. Doch die Kälte dieses Bildes ist eine ruhige Kälte, eine in sich geschlossene. Die gezeigte Gestalt steht ruhig da, die linke Hand in der Manteltasche verborgen, die rechte zu der Stelle gehoben, wo der Mund sein müsste. Ihre Finger geformt, als würden sie eine Zigarette halten. Der militärisch geschnittene Mantel leger geöffnet, knittrig, nicht mehr neu – eher wie schon Jahrhunderte lang getragen. Dazu die lässig herabhängenden Schultern. Dies kündet nicht vom Frieren, sondern zeigt uns eine Person, die mit der Kälte vertraut ist, die diese scheinbar gar nicht mehr wahrnimmt.
Und herum wabert ein weißer Rauch, der mit den Konturen des Mantels verschwimmt. Der den linken Jackenärmel verformt, dass dieser keine Hand in einer Manteltasche preisgibt, sondern den Ärmel zu einem sich auflösenden Stoff verzerrt. Die Falten wirken wie Geisterhände, die nach unten greifen. Doch wohin? Woher kommen sie? Das bleibt im Nebel verborgen.
Im harten Kontrast zum weißlich kalten Vordergrund steht der schwarze Hintergrund. Ein Schwarz, dass so tief und leer wirkt, dass es beinahe Wärme ausstrahlt. Darin verliert sich der Kopf der Gestalt. Er ist einfach nicht vorhanden, nicht einmal die Konturen sind erkennbar. Es verschluckt selbst die Zigarette und auch die Hand, die diese hält, löst sich darin auf. Es ist ein Schwarz, dass mit Geborgenheit aber auch Verlorenheit konfrontiert. Die Fragen und Gedanken, die einen des Nachts heimsuchen und nicht verstummen wollen, symbolisiert und dennoch, wie die Gestalt im Vordergrund, ebenfalls fast schläfrige Ruhe ausstrahlt.

Eine wie aus einem Traum stammende, surreale Szene, die Fließen, Wabern und sogar eiskaltes Lodern in sich trägt und trotzdem Ruhe gemahnt und wärme ausstrahlt. Ein Widerspruch, der gar keine Rolle zu spielen scheint. Eine innere Aufwühlung und Abgefundenheit. Schnelle, dynamische Pinselstriche ; weiche, detailverliebte Pinselwischer ; tiefe, dunkle Schatten und klare, helle Stoffausstülpungen. Der Malvorgang lief genauso ab, wie das fertige Bild auf den Betrachter wirkt.

Mich persönlich fasziniert vorallem die Ruhe, die von diesem Bild ausgeht. Bei seiner Betrachtung fühle ich mich in einem Zustand der Gelassenheit versetzt. Egal wie widrig die Umstände sein mögen, verharre in selbstsicherer Ruhe, es wird nicht schlimm. Diese Ruhe hat nichts mit Stillstand zu tun, sondern mit einem sinnenden Innehalten und Sammeln. Dies wird perfekt durch die schnellen Nebelstriche und die weichen Bögen der Stofffalten ausgedrückt, in deren Betrachtung man ewig innehalten könnte; so, dass es etwas Meditatives an sich hat.

„Die Suche nach der Kälte / Searching for the Cold“ reiht sich stimmungsvoll in das Gesamtportfolio von Art of The13th/Corinna Seifert ein. Seine Tiefe, das (sur)reale Motiv, die Lebendigkeit der Linienführung und die Ruhe der Details. Alles Punkte, die in so vielen Arbeiten – seien es Malereien oder Zeichnungen, Skizzen oder Studien – vorkommen. Dabei ist stets eine Weiterentwicklung hin zur Perfektion dieses Stiles zu erkennen. Man vergleiche nur das Bild „2023“ mit dem soeben besprochenen und schon sieht man diese Entwicklung vor Augen. Dies bedeutet keinen Bruch, hat nichts Störendes an sich, sondern ist der nächst logische Schritt. Der Schritt voran auf der Suche nach den Fassetten der Kälte.

Markus Digwa ist Lyriker, Schriftsteller, Musiker. Mit “Polaroids” und “entglitten” erschienen 2017 seine ersten beiden Bücher. “Nebelreich” folgte in zwei Ausgaben im Jahr 2019 und erreicht seitdem vertont und künstlerisch offeriert das Publikum. Bekanntheit erlangte er durch journalistische Publikationen und Auftritte innerhalb der neuen Bundesländer.