Wacholderdrossel Flügel Studie – Analyse

Flügel
eine Besprechung von Markus Digwa
09.04.2020

Eine Zeichnung, 21,0 mal 29,7 cm groß, Graphit und Kohle auf Papier. „Flügel“ entstand 2019 und reiht sich in die Arbeiten von Art of The13th/Corinna Seifert ein, die sich mit Tieren auseinandersetzen.
Bei „Flügel“ handelt es sich um die Abbildung der Unterseite eines linken Flügels einer Wacholderdrossel. Dieser Vogel kann eine Körperlänge von bis zu 25cm und eine Flügelspannweite von 42cm erreichen. Die Wacholderdrossel hat ihren Lebensraum in Waldesnähe, kann aber auch in Parks mit Baumgruppen angetroffen werden.

„Flügel“ ist die detailgenaue Darstellung eines Wacholderdrosselflügels mit all seinen Merkmalen, von der Anordnung der Federn bis über die exakte Lage des Flaumes. Es wird wiedergegeben, was gesehen wurde; keine Ästhetisierung, keine Vervollständigung nicht perfekter Federn vorgenommen. Diese Arbeit erinnert stark an naturkundliche Studien und Illustrationen, wie man sie im 19. Jahrhundert in wissenschaftlichen Abhandlungen der Ornithologie oder auch der Taxidermie (Präparation von Tieren) fand. Und dennoch handelt es sich um ein Kunstwerk. Die Position des Sujets auf dem Zeichenblatt, die Wahl der Perspektive, der Umgang mit Licht und Schatten, die detailgenaue Wiedergabe der Musterung der Federn – die beinahe an Obsession grenzt – erheben diese Studie zur Kunst. Gerade der Schatten, der sich linkerhand an den Flügel anfügt erinnert stark an das schwarze, bedrohliche Element, welches häufig Teil der Bildwelt von Art of The13th/Corinna Seifert ist. Das Bild erhält eine Tiefe und eine Spannung, es bewirkt eine Gefühlsregung im Betrachter. Es erhält ein surreales Moment. Auf dem ersten Blick ein Flügel, bei genauerem Betrachten die wahnsinnig feinen Striche, mit denen die Federn gezeichnet wurden, und dann das Gesamtwerk mit seiner starken Wirkung.

Es wurde etwas Totes widergegeben, durch eine Zeichnung verewigt. Geht es bei der Präparation darum, tote Tiere so zu bearbeiten, dass sie wie lebendig erscheinen, so wohnt „Flügel“ der Hauch des Vergänglichen und Toten inne. Die vielfältigen Bereiche des Labels wurden im letzten Jahr um die Taxidermie – erlernt und ausgeführt im Naturkundemuseum Leipzig – ergänzt. Durch diese Tätigkeit ergab sich die Gelegenheit zu Studien am Objekt, aus einer Nähe und Perspektive, wie sie zuvor nie möglich waren. Von der Betrachtung aus der Ferne und auf Abbildungen wurde nun die Detailstudie am Objekt und sogar unter die Oberfläche der Tiere möglich.
Es ist eine ernsthafte und pietätvolle Auseinandersetzung, eine künstlerische Betrachtungsweise angereichert mit wissenschaftlichen Kenntnissen. Neben dem hier besprochenen Werk gesellen sich Studien von Pinguinen, Eulen, Bartgeierklauen und weitere Gesamt- und Detailabbildungen in diesen neu erschlossenen Kanon, der an sich nichts Neues ist. Ist doch die künstlerische Darstellung von Tieren schon immer ein Teil des Portfolios. Man denke nur an die Zeichnungen „Vogel“ oder „Hund“.
Es ist abzuwarten, welche weiteren Zeichnungen aus dieser konsequenten Fortsetzung dieser Leidenschaft entstehen werden und wie diese die ureigene Strichführung des Labels in sich tragen werden.

Markus Digwa ist Lyriker, Schriftsteller, Musiker. Mit “Polaroids” und “entglitten” erschienen 2017 seine ersten beiden Bücher. “Nebelreich” folgte in zwei Ausgaben im Jahr 2019 und erreicht seitdem vertont und künstlerisch offeriert das Publikum. Bekanntheit erlangte er durch journalistische Publikationen und Auftritte innerhalb der neuen Bundesländer.