Waitin` For The Corvids I-III – Analyse

Waitin‘ for the Corvids
eine Besprechung von Markus Digwa
16.04.2020

Imaginieren wir eine junge Frau. Diese geht durch winterliche Straßen. Ihr Blick suchend, ihr Schritt hastig und fest. Vielleicht trägt sie einen Mantel, Handschuhe, offenes oder gebändigtes Haar. Sie scheint etwas zu ersehnen. Nicht den Frühling. Nicht die Einkehr ins warme Haus. Es fehlt ihr etwas. An diesem Tag, auch am nächsten und übernächsten. Es fehlen die Krähen und sie erwartet sehnsüchtig ihre Heimkehr.

Dieses Gefühl vermittelt die Reihe „Waitin‘ for the Corvids“. 2016 entstand eine Zeichnung, um dieses auszudrücken. Im Vordergrund eine Gestalt, seitlich dargestellt, in einem Mantel gehüllt. Die linke Hand verschwindet im Weiß des Blattes, die rechte ragt über dessen linken Rand hinaus. Der nach links blickende Kopf ist kein Kopf, sondern ein Rabenschädel. Verworren, sich windend, surrealisiert. Der obere Hintergrund ist schwarz pulsierend. Eine schnelle Skizze, eine Momentaufnahme, ein Gefühlsausdruck, der zu Bannen und Faszinieren weiß.
Im Januar 2017 entstanden zehn Schwarz-Weiß-Fotografien mit einer digitalen Spiegelreflexkamera. Sie zeigen Aufnahmen von Gebäudeausschnitten, Parkansichten mit Schnee und Wegdetails aus Leipzig. Gebäude wie der Sowjetische Pavillon auf der Alten Messe, die Russische Gedächtniskirche an der Philipp-Rosenthal-Straße und das Völkerschlachtdenkmal vom Südfriedhof aus betrachtet. Und auf dreien sind Krähen zu sehen. Die eine zu einem Autonummernschild hinauf blickend, eine weitere beim Überqueren eines Weges, zwei auf Betonplatten; die eine wartend, die andere sich in den Flug erhebend.
2020 entstanden elf Fotografien von Schneelandschaften im Erzgebirge. Diesmal in Farbe, doch wirken sie durch die kühlen Grün-, Blau-, Weiß- und Brauntöne wieder reduziert. Es sind Detail- und Weitblicke von Wald, Fluss, Tal und Ästen. Alles bedeckt von Schnee. Und wieder eine Fotografie, die eine Krähe zeigt. Nur den Brustkorb, den Schnabel, den Schädel nicht ganz.

All diesen Fotografien von 2017 und 2020 ist gemein, dass sie mal Ausschnitte, mal Gesamtansichten zeigen. Stets Landschaftsdetails. Mal die Fenster einer Hausfront, mal die Kuppel einer Kirche, mal die schneebedeckten Äste eines Baumes, ein Arm eines eisbedeckten Baches. Diese Aufnahmen tragen alle das gleiche Gefühl in sich. Sie verharren, halten inne, sind wie schweifende Blicke, die etwas suchen. Die Krähen. Die mit Corvidae bezeichneten Rabenvögel. Diese mythisch aufgeladenen Vögel, die ihren Weg in vielerlei historische und religiöse Kontexte gefunden haben. Die, die im Winter wandern und erst wiederkehren müssen¹. Dieser Wiederkehr wird in den Bildern entgegengeharrt. Künstlerisch sind diese Aufnahmen. Sie beweisen ein Gespür für Stimmungen, Farben (oder auch Nicht-Farben), Perspektive. Der Aufblick, der Herabblick, die Augenhöhe. All dies erzeugt Spannung und Sog. Die Motive sind vielfältig. Ihre Gemeinsamkeit der Schnee, der Hauch des Winters, die Kühle und die Ruhe des Wartens. Und am Ende der Reihe steht eine Fotografie, die sogar versöhnlich hell wirkt. Der Blick über einen Nadelwald hin zu einem schneebedeckten Feld. Am Himmel schimmert helles Sonnenlicht durch tiefhängende Wolken hindurch. Keine Sonnenstäbe, sondern das breite Band des Tages. Und dann werden einem wieder die soeben betrachteten Bilder von den erwarteten Vögeln gewahr.

So vereinen die Fotografien die Merkmale des Labels in sich. Auch sie – so wie die Zeichnungen, schriftstellerischen Werke, Tätowierungen und Malereien – ein Teil des breiten Ausdruckspektrums von Corinna Seifert. Was die anderen Medien nicht zu transportieren vermögen wird in den Fokus der Kamera gerückt. Manchmal muss das reale Objekt herhalten, da es auf keine andere Weise so wiedergegeben werden kann. Und manchmal existieren Fotografien, Zeichnungen und Worte parallel, um einem Gefühl den stärksten Ausdruck zu verleihen, der möglich ist. Wie dem der jungen Frau auf der Suche nach den Krähen, die so viel bedeuten und auch einfach nur faszinierend schöne Vögel sein können.

Markus Digwa ist Lyriker, Schriftsteller, Musiker. Mit “Polaroids” und “entglitten” erschienen 2017 seine ersten beiden Bücher. “Nebelreich” folgte in zwei Ausgaben im Jahr 2019 und erreicht seitdem vertont und künstlerisch offeriert das Publikum. Bekanntheit erlangte er durch journalistische Publikationen und Auftritte innerhalb der neuen Bundesländer.


¹ Heimische Krähen ziehen zur Überwinterung in südeuropäische Länder, während aus nordischen Gefilden Corviden in die Stadt ziehen. Da das nicht immer zeitgleich geschieht, können unter Umständen über Tage während des Wintereinbruchs keine Krähen beobachtet werden.