Die Jagd nach dem Feuer – Analyse

Die Jagd nach dem Feuer
eine Besprechung von Markus Digwa

Eine verwüstete Welt, in deren einen Hälfte Kälte herrscht. Zwei Heere, die im Kampf um Nahrung gegeneinander in den Krieg ziehen. Eine Welt, die vollkommen aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Und inmitten dieses Szenarios kämpfen sich die Mitglieder einer Familie, über das ganze Land zerstreut, durch Widrigkeiten, auf der Suche nach ihrem eigenen Platz im Geschehen und auf der Suche nach der Einheit mit ihren Verwandten.

Soweit lässt sich der Inhalt des Romans „Die Jagd nach dem Feuer“, einem 758 Seiten starken Monolithen zusammenfassen. Monolith, da das Buch an sich 1,2kg wiegt und 15,3cm x 21,5cm x 5,2cm im Hardcover misst. Monolith ebenfalls, da die Geschichte gewaltig und mächtig daherkommt.

Sie beginnt mit Luna, der Chronistin. Ihre Aufgabe ist es nach uralter Tradition die Geschehnisse im Land festzuhalten. Dann gibt es noch Lois, Lunas Enkelin. Sie ist Schülerin und findet sich plötzlich in einer zerstörten Umgebung wieder, aus der sie entkommen muss, um zu überleben. Dabei begegnet sie Kira, einer klassischen Einzelgängerin und kühlen Person, die ihr dennoch hilft. Chris, Lois‘ Bruder und ebenfalls Enkel von Luna, ist Soldat. Er wurde von den feindlichen Truppen zwangsrekrutiert und versucht in dem harten Regime zu überleben. Oft wird er von Erinnerungen an die Zeit bevor er beim Militär diente heimgesucht. Ständiger Begleiter ist ein Lied, dessen Verse gleichbleiben, doch je nach Situation, in einem anderen Licht erscheinen. Das Lied klingt wie eine Volksweise, vertraut und zugleich unheimlich. So heißt es:
„Wie ist die Welt so stille, / Und in der Dämmrung Hülle / So traulich und so hold! / Als eine stille Kammer, / Wo ihr des Tages Jammer / Verschlafen und vergessen sollt.“
Ein weiterer undurchschaubarer Charakter ist Ciprian, der gerne zur Flasche greift und ebenfalls kühl erscheint. Generell wirken viele Charaktere gefühlskalt, abgehärtet, vom Leben und Erfahrungen gezeichnet. Lois und Chris erscheinen zu Beginn wie Kinder, die sie vom Alter und von der Lebenserfahrung her auch beinahe noch sind. Doch im Laufe der Handlung müssen sie ihren eigenen Platz einnehmen und werden zu selbstbewusst handelnden Personen. Chris avanciert zum geheimen Protagonisten der Geschichte, der plötzlich auf (Familien)Geheimnisse stößt, die er nie erwartet hätte. Die Moikkonens waren eine Familie der Chronisten, der Bewahrer und Beobachter, doch sie werden zu einer Schicksalsprägenden Familie. Am Ende wird einer von ihnen den Werdegang der ganzen Welt bestimmen und beeinflussen.

Vor dem aktuellen Handlungsverlauf gab es eine Geschichte. Eine Zeit, in der Drachen das Land regierten und prägten. Es gab weise Drachen, die gutmütig und auf das Wohl aller bedacht waren. Und es gab Wasoka, einen Drachen, der einst eine gewaltige Bibliothek besaß, die die Weisheit und das Wissen des gesamten Landes in sich vereinte. Doch der Drache wurde verrückt und unberechenbar und damit begann der Verfall der bis dahin bestehenden Weltordnung. Es kam zum „Umbruch“. Dieser Teil der Erzählung liest sich wie eine alte Legende. Eine Erzählung, die alle handelnden Personen, mehr oder weniger, kennen. Es wird von Spiegeln geredet, die als Tore fungieren. Von Grenzgängern, Schattenwandlern, Mönchen. All dies klingt stark nach fantastischen Elementen, doch sie erscheinen mehr als eine Art Parabel; ein Sinnbild der wirklichen Welt, das dennoch die Handlung der Protagonisten prägend beeinflusst.

Die Sprache und der Erzählstil des Buches sind direkt, beschreibend und der Handlung angepasst. Jeder Charakter und Handlungsfaden hat einen eigenen Ton. Ob der oftmals sachlichen Schilderungen finden sich Humor und Herzenswärme. Neben den erzählenden Kapiteln finden sich Zitate aus der Chronik, die einen tieferen Einblick in die Welt geben und Fragen aufwerfen, die über den Roman hinaus gehen und den Leser direkt ansprechen. Gleichberechtigt zu den Worten stehen die 18 Illustrationen. Diese geben nicht die Handlung wieder, sie zeigen die Handlung ergänzende Elemente auf. Mal Personen, mal Drachenwesen, mal Landschaftseindrücke. Die Graphitzeichnungen verschmelzen mit der Geschichte und bilden ein großes Ganzes. Anders, als bei vielen Büchern, bei denen Illustrationen nur das Gelesene verbildlichen. So, wie die Geschichte sich hineinsteigert, so drängender und dringender werden die Zeichnungen.
Corinna Seifert hat dieses Buch geschrieben, gestaltet, gesetzt. Sie ist keine klassische Autorin, sondern Künstlerin. Bei ihr gehen Schriftstellerei, Malerei, Zeichnung, Konzeptkunst und weitere Bereiche fließend und sich überschneidend einher. Dies merkt man dem Roman deutlich an. Sie beschreibt bildlich, schildert detailgenau, baut eine in sich schlüssige Welt. Ihre Bilder, das Cover und die Satzart des Buches bilden ein geschlossenes Kunstwerk.

Am Ende ist „Die Jagd nach dem Feuer“ eine Familiengeschichte, gebettet in eine dystopische Welt, die parallel zu der unseren existieren könnte. „Die Jagd nach dem Feuer“ ist die Schilderung einer Suche nach dem eignen Platz in der Geschichte und dessen, was die eigene Familie zusammenhält und verbindet. Nicht nur das Band des Blutes und der gemeinsamen Erfahrungen, sondern auch die Handlungen eines jeden einzelnen. Und über allen schwebt der Schatten der Vergangenheit, das Licht, das darin mitschwingt und der Zeig in eine Zukunft, die selbstbestimmt und beeinflussbar ist.

Corinna Seifert : Die Jagd nach dem Feuer. – Borsdorf : Edition Winterwork, 2017. – 758 Seiten, 18 Illustrationen
ISBN 978-3-96014-243-0

Markus Digwa ist Lyriker, Schriftsteller, Musiker. Mit “Polaroids” und “entglitten” erschienen 2017 seine ersten beiden Bücher. “Nebelreich” folgte in zwei Ausgaben im Jahr 2019 und erreicht seitdem vertont und künstlerisch offeriert das Publikum. Bekanntheit erlangte er durch journalistische Publikationen und Auftritte innerhalb der neuen Bundesländer.