dom – Analyse

dom
eine Besprechung von Markus Digwa
14.07.2020


Das Heim beziehungsweise die Heimat ist dort, wo man eine gemeinsame Geschichte hat. Ein Ort oder eine Person, mit dem beziehungsweise mit der einen tiefgreifende Wurzeln und Erinnerungen verbinden.
Das russische Substantiv dom/дом bedeutet Heim, Haus. Es ist zugleich der Titel eines Bildes von Corinna Seifert / Art of The13th.

Wenn die Himmel sich dunkelrot färben, erdrückend das Land überspannen, erheben sich uralte, monumentale Riesen aus dem Gebirge und dem Gestein der Heimat und die Gestalten der jüngeren Geschichte wenden ihr verschwommenes Gesicht im hastigen Lauf von diesen ab, als hätte die Vergangenheit keinen Einfluss auf sie […]“ So ähnlich könnte eine prosaische Verlautbarung zu dem Gesehenen klingen.

Den Hintergrund des Werkes bildet eine mit rotem Acryl und Marker ausgestaltete dynamische Fläche. Davor in schwarzer Tusche schraffiert ein Gebirgszug, aus dem sich ein muskulöser Riese erhebt. Er dreht dem Betrachter den Rücken zu; seine steinernen, stählernen Muskeln erinnern an Skulpturen der Antike, auch an Statuen der jüngeren Geschichte. Mit seinen Schultern und seinem Kopf sind Berge verwachsen. Im Vordergrund, unten rechts, steht eine in einen militärisch geschnittenen Mantel gehüllte Person. Die Haltung leicht verdreht, nach vorn gebeugt. Der Oberkörper dem Betrachter zugewandt, das Gesicht nach rechts. Dieses jedoch nur aus tief schwarzer Tintenschraffur bestehend und die Umrisse eher ungenau als detailliert wiedergegeben. Die Gestalt verschmilzt mit der hinteren Szenerie, so, dass man sie beim ersten Betrachten kaum ausmacht.

Im Gesamten betrachtet erinnert diese Darstellung an die Bildsprache sowjetischer (Plakat)Kunst. Das prägnante Rot, der monochrome Vordergrund. Das Gezeigte ist eine surreale Szene mit realistischen Einsprengseln. Die Farbgebung aus der Avantgarde entlehnt. Die Malmaterialien reichen von roter Acrylfarbe, über rotem Marker bis hin zu schwarzer Tusche. Die farbige Fläche erinnert ein wenig an traditionelle russische Lackmalerei, wie man sie aus volkstümlichen Büchern kennt.

Es werden ebenso Motive volkstümlichen Gedankengutes aufgegriffen. Die riesige Gestalt. Das Gebirge. Der rote Himmel. Keine typisch osteuropäischen Elemente, sondern Bilder, die Sagen und Erzählungen sämtlicher Völker gemein sind. Ein Zeig in die Moderne bildet die Gestalt im Vordergrund. Sie ist realistischer abgebildet. Ihr Mantel erinnert an militärische Uniformen aus der Zeit des Ersten oder Zweiten Weltkrieges. Es werden zwei Zeitebenen zusammengefügt. Die der ferneren Vergangenheit und die der jüngeren Geschichte. Dies unter dem Titel „dom“ betrachtet, ergibt sich daraus der Interpretationsansatz, dass Heim und das Haus durch nahe und ferne Erlebnisse geprägt sind. Das Gefühl des Heims erwächst aus dem Bewusstsein dieser Dinge; der Symbiose aus dem Geschehenen und dem Gegenwertigen, genauso aus dem Zukünftigen. Ein mahnendes Werk entsteht. Vergiss nicht die Wurzeln, sonst entwurzelst du dich selbst und bleibst nur eine schattenhafte Gestalt im Lauf der Geschichte, scheint das Werk zu sagen. Oder auch: Vergiss nicht die Vergangenheit, die dich einst prägte, da diese sich sonst aufbäumt und dich heimsucht.

Was für mich das Bild „dom“ so Herausragend erscheinen lässt ist seine Zeitlosigkeit. Es sticht etwas aus dem Seifertschen Schaffen heraus, auch wenn es typische Elemente in sich birgt. Die Darstellung der Gestalt, die feinsinnige Schraffurtechnik, der Bildaufbau, das markante Rot. All das ist typisch für das Schaffen. Doch die Komposition, der Bildinhalt, die Darstellung im Gesamten wirken als wären sie schon immer da. Als wäre das Bild nicht erst im Jahr 2018 entstanden. Die Bildsprache und der Inhalt könnten aus einer anderen Zeit stammen. Aus welcher, lässt sich nicht klar zuordnen. Auch das Motiv ist zeitlos. Es greift etwas auf, dass sich nicht einem bestimmten Kulturraum, einer bestimmten Epoche zuordnen lässt. Man sieht dieses Bild und denkt, dass man es schon immer kennt. Dass es aus dem Kanon der bekannten Kunstwerke der Jahrhunderte stammt. Hat man es einmal gesehen, so vergisst man es nicht. Es bleibt im Gedächtnis verankert. Besucher der Ausstellung „Die Schwarze Linie“ (2019, Halle14, Spinnerei Leipzig) werden mir zustimmen. Dort war das Bild so prägend platziert, dass es zentraler Blickfang innerhalb der Räumlichkeiten wurde. Es drängte sich auf dezente Weise auf und blieb im Gedächtnis.

Bei weiterer Verbreitung ist es definitiv ein Bild, dass sich in einen allgemeinen Kanon der Kunst einfügen und damit die Zeit, ohne an Aktualität einzubüßen, überdauern wird. Es birgt etwas entfremdetes und zugleich heimisch Vertrautes in sich.

Markus Digwa ist Lyriker, Schriftsteller, Musiker. Mit “Polaroids” und “entglitten” erschienen 2017 seine ersten beiden Bücher. “Nebelreich” folgte in zwei Ausgaben im Jahr 2019 und erreicht seitdem vertont und künstlerisch offeriert das Publikum. Bekanntheit erlangte er durch journalistische Publikationen und Auftritte innerhalb der neuen Bundesländer.