ERA – Analyse

ERA
eine Besprechung von Markus Digwa
10.08.2020

In dieser Besprechung widme ich mich einer weiteren fotografischen Reihe von Corinna Seifert/Art of The13th (für die vorherige Analyse siehe „Waitin for the Corvids“).

Die Reihe ERA geht bis in das Jahr 2002 zurück. Die Künstlerin selbst war zu dieser Zeit erst fünf Jahre alt. Sie nahm sich eine Analogkamera und fotografierte ihre Umgebung und ein anderes spielendes Kind. Das Kind beim Spielen mit einer Autorennbahn, ein Blick auf Gras, ein Blick in die Küche, Blicke zum Fenster, Möbel und andere Einrichtungsgegenstände. Alle Bilder sind Schwarz-Weiß, sie geben die Perspektive eines Kindes auf die unmittelbare Umgebung wieder. Interessant sind die Details, die festgehalten und wie sie fotografiert wurden. Oft sind die Bilder von Lichtschleiern dominiert und leicht unscharf. Doch das tut ihren Reiz nichts ab. Im Gegenteil. Daraus wächst eine verträumte Sicht und beinahe Nostalgie, die an die Ästhetik der Filme von Andrei Arsenjewitsch Tarkowski erinnern. Es ist streitbar in wie weit ein Kind in der Lage ist künstlerische Fotografien bewusst anzufertigen, unstreitbar ist, dass diesen etwas Künstlerisches innewohnt und sie in eine Zeit zurück entführen, in der die Künstlerin Kind war. Es sind wertvolle Aufnahmen aus einer wichtigen Lebensphase.

Auf ERA I folgte ERA 15. Auch hier handelt es sich um Schwarz-Weiß-Fotografien, die diesmal mit einer Canon EOS 450D aufgenommen wurden. Die Bilder zeigen eine vom Betrachter abgewandte Person in einem Straßenzug, eine von unten herauf fotografierte Detailstudie eines Falken, einen Ausschnitt eines sozialistischen Bauwerkes, erneut eine Person von Hinten vor einer Glasscheibe, ein Plattenbau mit einem verschwimmenden Mond am Himmel darüber, ein weiteres Gebäudedetail sowie einen Vogel auf einem Baumstumpf. Diese Fotografien sind etwas jüngerem Datums und ihnen wohnt ein bewusstes Licht-Schatten-Spiel sowie ein Spiel mit Perspektiven und eine bewusste Wahl von Bildausschnitten inne. Auch hier weisen die Fotografien eine bestimmte Stimmung, die perfekt an die von ERA I anknüpft, auf. Sie wirken bewusst und dennoch auch wie flüchtige Momentaufnahmen.

Bei ERA 25 handelt es sich um vier Schwarz-Weiß-Fotografien, die mit der Digitalkamera aufgenommen wurden. Das erste Motiv verweist auf ERA 15 und zeigt erneut den Falken, nur diesmal mit verschwommenen Fokus. Darauffolgend ein Mond am grauen Nachthimmel. Das dritte Bild zeigt ein sehr stimmungsvoll eingefangenes Schneebedecktes Feld, das wieder an die Ästhetik Tarkowskis erinnert und eine ganz eigene Stimmung einfängt, aufbaut und transportiert. Auf dem vierten Bild ist ein gehörntes Tier, ein Bock, zu erkennen. Der Körper verschwindet im schwarzen Hintergrund, die Hörner schimmern leicht im Licht hervor, so wie in einer Traumsequenz aus vergangenen Tagen. Es formt sich der Eindruck von einer warmen Dunkelheit und einer entrückten Welt, die kaum zu greifen ist und nur bruchstückhaft aufschimmert; wie in einem Traum.

ERA II vereint Naturaufnahmen, erneut in Schwarz-Weiß und mit der Canon aufgenommen. Ein Vogel fliegt über einem abgeernteten, nebelverhangenen Feld. Ein Vogel am Wolken verhangenem Himmel. Erneut ein abgeerntetes Feld im Nebel, im Hintergrund Bäume vor einem eintönigen Himmel. Als letztes eine Detailaufnahme eines Gänseflügels. Dieser Beitrag vereint Grautöne in allen Abstufungen. Selbst das Weiß des Gefieders erscheint gräulich und trüb. Hier ist man im Stillen Moment des Traumes oder der Erinnerung angelangt, wobei die Motive klar und greifbar gezeigt werden.

Im neuesten ERA Beitrag sind zwei Bilder enthalten. Ein dunkler Wald, in dessen Baumwipfeln sich Wolken verhangen haben und eine kaum zu erkennende Landschaft mit dunklem Himmel im Hintergrund. Beide Schwarz-Weiß-Fotografien drücken etwas Bedrohliches in ihrer Dunkelheit aus. Sie wirken entrückt. Ihre Unschärfe wirkt erneut traumhaft und wie eine ferne Erinnerung.

Der Begriff ERA bezeichnet eine Zeitrechnung, die mit einem bestimmten Ereignis begann und durch eine fortlaufende Weiterzählung der einzelnen Jahre zustande kommt. Er bezeichnet gleichfalls ein Zeitalter, das durch eine Person oder ein Ereignis geprägt wurde. (vgl. Duden, Begriff Ära, die)

Die Fotoreihe ERA begann mit der fünfjährigen Künstlerin, die mit der Analogkamera Momente einfing. Sie ging weiter über die Jahre. Die Künstlerin wuchs heran, formte sich und wurde durch Ereignisse und Geschehnisse geformt. Dies zeigt sich an den Fotografien. Ihr künstlerischer Anspruch und das Können dahinter konkretisierten und erweiterten sich. Die Reihe wuchs und geht wohl noch weiter. Fotografien sind Momentaufnahmen. Sie halten etwas Vergängliches fest und bannen dies. Somit ist ERA wie eine sehr intime Betrachtung der Welt durch die Augen der Künstlerin. Sie lässt uns durch die Veröffentlichung der Bilder daran teilhaben. Wir begleiten sie dadurch auf einer Reise, deren Stationen wir nur in ausgewählten Ausschnitten mitverfolgen können. Es formt sich ein Strang von Impressionen, der, gerade durch die Unschärfe und die manchmal nur ausschnitthaften Abbildungen, beim Betrachter selbst Gefühle und Assoziationen auslöst. Wir sehen nur das Gesehene, kennen weder die Intention noch die Gedanken der Künstlerin dazu. Und dennoch ersteht eine Geschichte vor unserem inneren Auge. Eine Sequenz gleich einer nie selbst erlebten Erinnerung, eine Traumsequenz eines fremden Träumers. Es ist unwichtig, wo die Fotografien entstanden, welche Personen, Bauwerke oder Landschaften sie konkret zeigen. Die Andeutung lässt uns innehalten und eigene Bilder mit den vorliegenden vergleichen. Wir treten einen Moment aus unserem eigenen Erinnern und (Er-)Leben heraus, betrachten diese fremde ERA und ziehen etwas daraus hervor, was Einfluss auf uns hat.

Ich selbst tauche sehr gerne in diese stimmungsvolle Fotoreihe ein, lasse mich von ihr inspirieren und wünsche mir dabei insgeheim, sie würde eines Tages in Form eines Fotobandes erscheinen. Einige Fotografien aus dieser Reihe konnten glücklicher Weise bereits bei einer Ausstellung („WEITE den BLICK“, WohnKultur Wittenberg, September 2019 bis März 2020) gerahmt und stilvoll präsentiert betrachtet werden. Die Motive kamen so nochmals deutlicher zur Geltung und entfalteten ihre soghafte Wirkung noch mehr.

Corinna Seiferts ERA wird in den nächsten Jahren noch anwähren. In den Fotografien können wir ihr folgen und uns weiter entrücken und verträumen lassen.

Markus Digwa ist Lyriker, Schriftsteller, Musiker. Mit “Polaroids” und “entglitten” erschienen 2017 seine ersten beiden Bücher. “Nebelreich” folgte in zwei Ausgaben im Jahr 2019 und erreicht seitdem vertont und künstlerisch offeriert das Publikum. Bekanntheit erlangte er durch journalistische Publikationen und Auftritte innerhalb der neuen Bundesländer.