GÖTZEN 2023

2023 endet die durch den Bund finanzierte Unterstützung des Deutschen Roten Kreuzes bei der Suche nach den Verschollenen des Zweiten Weltkrieges.
Friedrich Nietzsche schrieb von einem nicht endenden Rad des Seins, welches sich im Titel des ersten Werkes „202320232023“ darstellt – eine im Nichts verschwimmende uniformierte Gestalt, die einst ein Mensch gewesen war. Zu diesen Bildern gesellen sich weitere Gestalten; sie wirken Träumen entsprungen und würden vermutlich nie mehr als das sein. Es gibt keine Gesichter, nur verschwommene behandschuhte Hände mit doch so menschlichen und emotionalen Gesten, wurde ihnen doch die eigene Existenz aberkannt und ersetzt durch Uniformen und Waffen. Diese Werke sind Teil eines sich entwickelnden künstlerischen Projektes, dessen Beginn nicht mehr leicht auszumachen ist. 2015? 2016?

2016.

GÖTZEN 2023“ lautet der Arbeitstitel eines großen Projektes. Um was handelt es sich dabei?
GÖTZEN 2023 ist ein interdisziplinäres Werk, das sich mit Schuld, Vermächtnis und Aufarbeitung befasst. Interdisziplinär – in diesem Fall eine Erarbeitung der Thematik in Grafik, Malerei und dessen Präsentation.

Kernthemen sind der Umgang mit den Taten unserer Vorfahren, wie prägte die Geschichte unser Selbstverständnis, unsere Identität und unser Handeln? Ausgangspunkt war die Arbeit mit Primärliteratur und Zeitzeugenberichten von Beginn des frühen Zwanzigsten Jahrhunderts, um ein besseres Verständnis für die Zusammenhänge vieler großer Daten zu erhalten und Geschehnisse nachvollziehen zu können.
Götzen lautet der selbstgewählte Titel von Adolf Eichmanns Memoiren, die er 1962 während seines Prozesses in Israel verfasste. Dieses Manuskript wird als Rechtfertigungsschrift gehandhabt, was ich im Hinterkopf hatte, als ich an den Text heranging. Ich wollte so neutral wie möglich diese Zeilen lesen und ausblenden, wie man es heute wertet. Ich wollte wissen, was er und wie er Geschehnisse schilderte und erhoffte mir einen unmittelbaren und emotionsfreien Eindruck über die damaligen Verwaltungsstrukturen, wurde er doch als ein sehr rationaler Mensch beschrieben. Dennoch wurde es für mich das Werk, bei dem es mir die Schuldfrage am deutlichsten aufdrängte.

Was hat Nietzsche damit zu tun?
Friedrich Nietzsche schrieb von dem Rad des Seins. Demnach wäre die Existenz ein Kreis und alle Geschehnisse würden sich auf ewig wiederholen. Wie kam er darauf? Zeit ist unendlich, doch die verschiedenen Möglichkeiten von Begebenheiten seien begrenzt. Demnach müsste sich früher oder später alles wiederholen. Denkt man an die Höllen wie Verdun, Stalingrad, Auschwitz, aber auch Afghanistan ist das ein Gedankenexperiment, das jeder einmal gemacht haben sollte.

In wieweit ist das Jahr 2023 bedeutsam?
2023 wird das Jahr sein, indem die bisherige Suche nach den Verschollenen und den Toten nicht weiter unterstützt wird. Es gleicht einem Aufgeben. Die Zeit vergeht und es gibt Millionen von Schicksalen, deren gewaltsame Umstände wohl niemals geklärt werden können und das liegt auch nicht allein am Zeitfaktor oder den finanziellen Mitteln. Es wird das Jahr sein, indem wir wirklich Abschied nehmen müssen. Es verstärkt die Sinnlosigkeit der einstigen Geschehnisse und macht deutlich, dass es Menschen gab, die gestorben sind, als hätten sie nie existiert. Kriege sind nicht mit einem Friedensvertrag beendet. Sie sind noch lange in ihren Folgen präsent, sogar bis ins Jahr 2023.

Was ist das Ziel des Projektes?
Die künstlerischen Arbeiten thematisieren den Umgang und die Aufarbeitung unserer Geschichte und somit auch unsere Identität und sollen auf den Krieg und die Zerstörung aufmerksam machen, sowie den hohen Tribut, den unsere Vorfahren gezahlt haben, damit wir jetzt leben können. Wir leben in einer postapokalyptischen Welt und wir bauen auf Knochen. Es hilft, sich bewusst zu sein, was vor uns war, um das Hier und Jetzt verstehen zu können. Immerhin basiert unsere Erziehung auf Erfahrungen einer ganzen Gesellschaft, die geprägt wurde. Wir halten Vieles in unserem Leben für selbstverständlich und hinterfragen unseren Lebensstandard nicht, kennen gar keinen Gegenwert wie Hunger oder existentiellen Verlust, der uns deutlich macht, was es bedeutet, alles was wir brauchen und mehr erreichen zu können.

Mir wurde schon als Kind bewusst gemacht, auf welchen Straßen ich wandle. Die Völkerschlacht und ihre Hinterlassenschaften waren das Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin. Ich hatte als Kind auf eine Straße hinuntergeblickt, von der ich bereits sagen konnte, dass Lenin hier seine Zeitung verbreitet hatte, ohne wirklich zu wissen, was er für ein Mensch gewesen war. Im Jahr 2020 wurde die Druckwerkstatt der Iskra abgerissen. Ich sehe nur noch das große blaugraue Tor mit dem rotweißen Schild „Warnung vor dem Hunde“ vor mir. Einfamilienhäuser werden jetzt an diesem Ort gebaut, wo Lenin hatte Funken sprühen wollen. Ich frag mich, ob die jungen Familien, die hier sesshaften werden, wissen, was hier fortgeführt wurde und nach der Iskra tausende Kilometer östlich daraus entstand. Es würde den Leuten bewusster machen, dass wir alle Spuren hinterlassen und dass die Oktoberrevolution nichts in weiter Ferne war. Vielleicht wird der ein oder andere achtsamer, reflektiert, hinterfragt und trifft bewusst Entscheidungen, angesichts dessen, wie die Geschichte verlaufen ist und wie wenig es bedarf, um das Leben anderer zu beeinflussen. Zum Guten und zum Schlechten.

Welche Rolle spielen die gewählten Zitate?
Ich nutze gezielt Zitate aus verschiedenen Hinterlassenschaften unverfälscht, ohne Kommentar und Erklärung, lediglich mit Bezug zur Quelle. Es sind Worte, die aufgrund der Taten dieser Männer und Frauen sich tief in das kollektive Gedächtnis gefressen haben und im Laufe der Geschichte im Zeitgeist der Gesellschaft verschieden beurteilt wurden. Es ist provokant und die Reaktionen bilden wie zu erwarten das Gesicht unserer heutigen Gesellschaft. Diese Männer und Frauen haben etwas hinterlassen, was die Entwicklung unserer Werte und Moralvorstellungen geprägt hat. Ich halte es für jeden Einzelnen lohnenswert, sich darüber Gedanken zu machen und zu hinterfragen, inwieweit wir Entscheidungsträger sind und sein können, wenn es darum geht, die Erfahrungen ganzer Nationen für unsere Zukunft zu nutzen.

Wird es sich auf Grafik und Malerei beschränken?
Der künstlerischen Umsetzung sind keine Grenzen gesetzt und es ist ein Projekt, das sich mit dem Erfahrungsschatz entwickelt. Dabei richtet sie sich danach, wie geeignet die individuellen Ausdrucksformen erscheinen.

Welche Bedeutung spielt die Präsentation dabei?
Die Arbeiten bestehen aus Allegorien und Symbolen. Wichtig ist, denjenigen die Möglichkeit zu schaffen, ihnen zu begegnen und sie auch zu deuten. Das hat in der Vergangenheit schöne und erhellende Diskussionen hervorgebracht, die nur bei einer persönlichen Begegnung möglich waren. Ziel ist also eine entsprechende Präsentation, wo aber auch Aufmachung und Konzeption ein Teil der Kunst werden wird. Kein Detail von Ausstellung, Präsentation und Umsetzung wird wahllos oder austauschbar sein.

Wie sahen die Vorbereitungen zu diesem großen Projekt aus?
Zum damaligen Zeitpunkt habe ich mich mehr mit Zeitzeugenberichten und Primärliteratur beschäftigt. Berichte, Rückblicke, Interviews, Tagebücher und auch Erlebnisse, die in künstlerisch-epischer Form verarbeitet worden sind, wie die Werke von Vassili Grossman oder Friedrich Wolf. Lesungen und Diskussionen waren oft ein Anreiz für die Suche nach den Einblicken aus erster Hand. Vieles, was wir zu wissen glauben, ging durch den unbewussten (oder bewussten) Filter eines Menschen, der diese Geschehnisse nicht bezeugen kann. Auch wenn wir bestrebt sind, die Wahrheit wiederzugeben, so können wir unsere Position als subjektives Individuum mit ganz eigenen Erfahrungen nicht verlassen, geht doch alles Geschehene durch den Filter des Wertesystems unserer Zeit, Gesellschaft oder Mentalität. Objektivität ist wohl kaum zu erreichen. Ich wollte wissen, was von damals übrig geblieben war. Ich habe mich zum Beispiel mit Texten von Zeitzeugen wie Traudl Junge und der journalistische Arbeit von Svetlana Alexijewitsch beschäftigt. Sie gaben Einblick in den Zeitgeist von damals und gleichzeitig waren Alexijewitschs Zeitzeugeninterviews eine Reflektion von Erinnerungen und Erlebnissen, was sie aus den Menschen Jahrzehnte später gemacht haben und wie diese sie aus heutiger Sicht beurteilen. Die Neuauflage von Hitlers Mein Kampf 70 Jahre nach Erlöschen der Urheberrechte und wie die Menschen es behandeln, als sie es kommentiert neu auflegten. Es ist ein Aufzeigen des Wandels der Gesellschaft und was die Zeit mit uns macht.

Ein weiterer Bestandteil sind Sprachen. Sie sind das Tor zu einer fremden Mentalität. Es gibt keine eins-zu-eins-Übersetzungen, denn bestimmte Ausdrücke existieren in anderen Kulturen nicht. Eine andere Sprache zu lernen, bedeutet den Zugang zu einer neuen Denkweise zu erhalten und zu einer anderen Nation. Ich habe versucht, Zugänge zu diesen verschiedenen Identitäten zu erhalten und wie sie durch den Krieg geprägt und nun verurteilt werden. Was heißt Nationalismus? Was heißt Patriotismus? Der Nationalismus der Kroaten wird ein anderer sein, als der der Katalanen. Worauf begründet sich das?

Wie würde ein verantwortungsvoller Umgang mit der Vergangenheit aussehen und was würde er bringen?
Wird über eine bedeutende Persönlichkeit gesprochen, wird die eigene Stellung zu dieser geklärt oder korrigiert. Wir betrachten Vergangenes nicht im Kontext seiner Zeit, sondern werten und urteilen aus unserer heutigen Sicht: der Stand der damaligen Wissenschaft, Ethik, Moral, Werte oder was einst zum Überleben gehörte. Wir versperren uns somit den Zugang zum Verständnis und Wissen um diese Zeit und gelangen somit nicht an den Punkt, der es uns möglich macht, zu lernen, auf dem zu bauen, was man uns hinterließ und aus den Fehlern unserer Vorfahren zu lernen.

Es ist entscheidend zu versuchen zu verstehen, was Krieg eigentlich bedeutet. Es ist der Verlust eines stabilen gesellschaftlichen Gefüges, von Werten, Moral und Ethik. Das Leben reduziert sich auf eine einzige Regel: zu überleben. Wir konnten im Laufe der Geschichte den Wandel der Gesellschaft und die Auswirkungen des Krieges im Verhalten der Überlebenden sehen: Gewalttaten, Blutvergießen, Existenzlosigkeit, Ausschreitungen auf den Straßen noch Jahre nach Kriegsende und neu etablierten Rechtsstaaten. Das war für die unmittelbaren gesellschaftlichen Systeme der Nachkriegszeit ein Überrest von Gewohnheit und Normalität mehrerer Jahre eines harten Überlebenskampfes. Dass ein solches gesellschaftliches Gefüge mit Exekutive und Judikative sich erst wieder etablieren musste und dass es Jahrzehnte dauerte, bis unsere Vorstellungen von Gut und Böse zu dem wurden, was uns heute beigebracht wird, können wir uns gar nicht mehr vorstellen. Wir können nicht begreifen, was einst stattfand, haben Überreste vor uns und erleben etwas mit Schrecken, was von Menschen vollführt wurde. Wir haben eine klare Vorstellung von Schuld, Schuldigen und was ihnen gebührt. Doch was ist Schuld? Wer ist Schuld? Können wir richten? Dürfen wir das überhaupt? Gibt es Absolution? Ist Schuld vererbbar? Können die Nachkommen schuldig sein für etwas, was vor ihrer Zeit stattfand? Können wir richten? Dürfen wir das überhaupt? Und was heißt Absolution dann noch?