Chernaya Rekha – Analyse

Chernaya Rekha
eine Besprechung von Markus Digwa
13.09.2020

Eine Ikone ist ein Kultbild. Man kennt es hauptsächlich aus der russisch-orthodoxen Kirche, in der es in der Gottverehrung eine zentrale Rolle spielt. Im kyrillischen schreibt man es икона.

Mittelpunkt dieser Besprechung ist Corinna Seiferts Bild „Chernaya Rekha“ (kyrillisch Чёрная речка). Der Titel bedeutet übersetzt „Schwarzer Fluss“. Seifert sagte dazu selbst: „Der Schwarze Fluss ist ein Spiegel, denn sein Strom ist so tief, dass wir uns in seiner Oberfläche spiegeln, anstatt, wie gewollt, den Grund zu erblicken“1. Diese Worte fassen die Wirkung des Werkes perfekt zusammen. Dargestellt ist ein menschlich anmutendes Wesen mit dem Schädel einer Löwin als Kopf. Der Oberkörper ist von einer Robe bedeckt, ihr Faltenwurf wird durch gezielte Bleistiftstriche verdeutlicht. Die linke Hand liegt außerhalb des Bildes, die Rechte zeigt andächtig und erhaben mit zwei Fingern zur Seite. Auch der Schädel, welcher über eine weiße Fläche mit dem Körper verbunden ist, blickt nach rechts. Dieser ist ebenfalls mit detaillierten Bleistiftstrichen gezeichnet. Schatten und Licht arbeiten perfekt ein naturgetreues Bild des Schädels aus. Auch der Mantel ist bis ins Detail ausgearbeitet und weißt dennoch weiche Bereiche auf. Prägnant an der Gestalt ist der Abschnitt, in dem normalerweise der Hals der Figur zu sehen sein müsste. Dieser ist eine reinweiße Fläche. Sie strahlt förmlich und lenkt den Blick des Betrachters auf sich. Sie strahlt sogar mehr als der mit Blattgold dynamisch ausgearbeitete Hintergrund. Das Bild entwickelt eine Tiefe, die zu fesseln weiß.
Insgesamt wirkt die Gestalt wie aus einem Traum herausgenommen. Abnorm, surreal, und dennoch vertraut. Sind doch die Geste und der herabblickende Kopf vertraute Eindrücke.

Gold ist ein wichtiges Material in der Ikonenmalerei, besonders in der Mittelalterlichen. Es dient der Darstellung des Himmels und des göttlichen Lichtes, der Erleuchtung. In der russisch-orthodoxen Kirche gelten Ikonen sogar als Fenster in die geistliche Welt. Doch zeichnen sich diese Ikonen eher durch Zweidimensionalität und eine nicht-naturalistische Darstellungen aus. Dies ist bei „Chernaya Rekha“ nicht der Fall. Licht und Schatten, Schädel und Gewand sind durchaus naturgetreu abgebildet. Sie überfordern sogar durch ihre Klarheit und Detailliertheit.
Die frühen Dichter, Philosophen und Naturwissenschaftler der Romantik suchten nach neuen mythologischen Figuren. Gleich nach der Auffassung, die Griechen hatten ihr Pantheon, wir benötigen ein neues, welches der neuen Zeit, mit ihren Wandlungen und Veränderungen gerecht wird. Es scheint, als habe Seifert sich unbewusst dessen angenommen und eine neue mythologische Gestalt erschaffen, welche für unsere Zeit Geltung erlangen soll. Der Löwe ist eine Figur, die aus alten Fabeln bekannt ist. Er erfährt auch Bedeutung im Christentum. Doch in dieser Darstellung und auch noch in Gestalt einer Löwin wird etwas Neues erschaffen, welches nicht das Vergangene leugnet. In der Betrachtung des Bildes kann man sich selbst sehen. Eine Allegorie auf philosophische Fragen, die man sich selbst stellt. Vielleicht sogar die Verbildlichung der eigenen Suche nach einem Platz in seinem eigenen Pantheon und dem eigenen Lebensumfeld. Wenn man sich selbst in der Betrachtung den aufkommenden Fragen dieser wagen Darstellung stellt, so kann man für sich selbst Stärke, Ruhe und sogar einen Glauben finden. Umwabert von einem warmen Goldton und erstrahlt durch eine leere weiße Fläche, die von der eigenen Imagination gefüllt werden will und muss.

Seifert schafft mit dem Scharzen Fluss etwas, was ihre eigene Auseinandersetzung mit dem Leben und den darin mitschwingenden Fragen, Antworten und Geheimnissen wiedergibt und den Betrachtenden die Chance aufweist, sich selbst auf solch eine Auseinandersetzung einzulassen. Sie gibt keinen Weg vor, nicht mal eine Richtung. Gerade deshalb stößt die weiße Fläche beim ersten Erblicken des Werkes dem Betrachtenden auf.

Es gibt noch ein zweites Werk mit dem Titel „Schwarzer Fluss“. Dieses zeigt eine dunkle Gestalt vor schwarzem Hintergrund. Ebenfalls in einen Mantel gehüllt, mit dem Schädel einer Löwin, welcher diesmal von einem weißen Heiligenschein umkränzt wird. Dieses Bild wurde mit Wasserfarben und Acryl gemalt und setzt anders als „Chernaya Rekha“, welches eine Farbigkeit und Helle vorspielt, auf Schatten und Unlicht. Der Mantel ist hier eher vage ausgearbeitet, der Schädel wieder realistisch und doch ebenfalls vage. Diesmal ist die linke Hand der Gestalt zu sehen. Diese weißt nach links; in die Richtung, in der auch der Schädel geneigt ist. Der vermeintliche Halsbereich ist wieder eine weiße Fläche. Würde man beide Werke so nebeneinanderlegen, dass sie sich anblicken, so treten sie in einen Dialog. Das Warme und Versöhnliche Gold findet sein Pendant im tiefen und versöhnlichen Schwarz. Der Heiligenschein ist Zeichen des Sakralen wie das Gold im Hintergrund. Wobei der Kreis noch mehr Interpretationsebenen eröffnet. Von der christlichen Symbolik des Absoluten und Göttlichen bis hin zur Darstellung des Kreislaufes des Lebens oder gar des Rads des Seins von Friedrich Nietzsche. Somit ist auch das Bild „Schwarzer Fluss“, welches wie „Cherneya Rekha“ 2018 entstand, Sinnbild einer Suche und der Bewusstwerdung des Individuums. Um hiermit den Bogen zum Gedankengut der Romantik zu schließen, verweise ich auf das Bestreben ihrer Anhänger nach einer vollkommenen Wahrnehmung der Natur. Der Analyse dieser und dem Gedanken, dass Mensch und Natur eine Einheit finden sollen, in dem man sich selbst in ihr wiederfindet und sie durch Forschung kennenlernt. Und auch die christliche Ikone soll dem Menschen durch einen Blick auf die Heiligen und den Himmel leiten, auf seiner Reise durchs Leben. Sollten beide Bilder Seiferts ausgestellt werden, so gehören sie in die oberen Ecken eines Raumes. Man muss zu ihnen heraufschauen und sich dann ihrem Bann ergeben. So entfalten sie ihre gänzliche Wirkung. Und was ist wichtiger in den jetzigen Zeiten, als ein bewusst handelndes, freies Individuum, das Verantwortung für seine Taten übernimmt und sich damit der Konsequenzen im Vorhinein bewusst ist. Ein Individuum, dass sich selbst ist und erkennt. Welches sich selbst sieht, im Spiegelbild auf dem Schwarzen Fluss, Chernaya Rekha.

1 Seifert, Corinna: Das Lied vom Schwarzen Fluss – The Song of Chernaya Rekha. – Leipzig, 21.02.2019. – 1 Online-Ressource
https://artofthe13th.wordpress.com/2019/02/21/das-lied-vom-schwarzen-fluss-the-song-of-chernaya-rekha/, gesehen am 13.09.2020

Markus Digwa ist Lyriker, Schriftsteller, Musiker. Mit “Polaroids” und “entglitten” erschienen 2017 seine ersten beiden Bücher. “Nebelreich” folgte in zwei Ausgaben im Jahr 2019 und erreicht seitdem vertont und künstlerisch offeriert das Publikum. Bekanntheit erlangte er durch journalistische Publikationen und Auftritte innerhalb der neuen Bundesländer.